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Erkundungstour im Aostatal

 2020 - ein Jahr ohne Einträge in diesem Blog? Die Antwort auf das "warum?" ist ja bekanntlich denkbar einfach!

 

Jetzt war es dann aber doch endlich mal wieder an der Zeit, loszuziehen um etwas Neues zu entdecken und so machten wir uns bei eher mässig optimistischer Wetterprognose auf ins Aostatal. Sollte das Wetter wirklich so kletterunfreundlich werden wie vorhergesagt, könnten wir ja immer noch nach Briancon in Frankreich weiterziehen.

 

Schon gefühlte hunderte Male sind wir in den kühlen Herbst- und Wintermonaten auf dem Weg von oder nach Cisano sul Neva (einem kleinen Ort im Val Pennavaire

mit der besten Kletterkneipe der Welt!) durch das Aostatal gefahren und haben uns nicht selten gefragt, was für Felswände sich wohl in den Tälern rechts und links der Autobahn verstecken. Bei unserem letzten Besuch in Oltre Finale ist uns dann das passende Topo zu unserer Frage in die Hände gefallen. Genau genommen ist es ein 615 Seiten dicker Schinken mit 2450 Sportkletterrouten und 316 MSL Touren. Daher war es auch im ersten Moment gar nicht so einfach sich für eine der 8 Regionen mit ihren mehreren langgezogenen Tälern zu entscheiden und dort das zum aktuellen Wetter passende Gebiet auszusuchen.

Die Auswahl variiert dabei jeweils von sonnenbeschienenen Wänden bis zu komplett nördlich ausgerichteten Sektoren und Höhenlagen zwischen gerade einmal 400 m bis zu knapp 2900 m.

 

Unser erstes Ziel wurde dann das kleine Örtchen Chenal. Oder anders gesagt der Parkplatz an dem geschlossenen und verlassenen Castello di Saint-Germain - dort verbrachten wir nämlich unsere erste Nacht von wo aus wir am nächsten Morgen zu dem nah gelegenen gleichnamigen Klettersektor (also wie das Örtchen - nicht die Burg) weiterzogen. Dieser versprach laut der Beschreibung im Topo vor allem stark überhängende Kletterei mit einer maximalen Routenlänge von 18 m zu bieten - soll heissen: kräftig und pumpig.



Zu den im Topo verzeichneten Linien schienen allerdings noch eine Reihe leichtere Routen dazu gekommen zu sein. Somit hatten wir ausreichend Gelegenheit uns sanft einzuklettern, bevor wir uns den (für uns) schwereren Linien widmeten und schliesslich angenehm erschöpft und mit gehörig ausgepumpten Unterarmen wieder zurück zum Bus liefen.

 

Und da wir noch ein wenig Zeit bis zum Abend hatten steuerten wir von dort aus direkt unser nächstes Ziel an - das unmittelbar an dem kleinen Dörfchen Berger gelegene Klettergebiet "Falesia Magmatica". Das Dörfchen besteht genau genommen aus 5 Häusern, von denen wahrscheinlich mindestens die Hälfte mittlerweile unbewohnt sind, und ist nur durch etwas mehr als 500 Höhenmeter enges Serpentinen gegurke zu erreichen.

 

Dort angekommen verschafften wir uns dann schonmal einen ersten Eindruck von den Kletterrouten und da wir wenig Lust hatten die ganzen Kurven wieder runterzufahren, nur um sie am nächsten Morgen erneut hochzugurken und wir eh schon kurz Bekanntschaft mit dem dortigen Bauern gemacht hatten, fragten wir diesen kurzerhand, ob er etwas dagegen hätte, wenn wir auf einem Stück Wiese seines Grundstücks campieren würden.


... hatte er nicht!


Was uns schon direkt an unserem ersten Übernachtungsplatz aufgefallen war und uns auch in den kommenden Tagen immer wieder erstaunen sollte, war das (offensichtlich) unglaublich fruchtbare Klima im Aostatal. Selbst auf den Seitenstreifen der Strassen wuchsen Äpfel- und Feigenbäumen, Rucola, Beeren und Minze und die grösseren Grünflächen waren nicht selten übersäht mit Walnuss- und Esskastanienbäumen.

 

Die Kletterei in «Falesia Magmatica» hat uns extrem gut gefallen - hier schadet Ausdauer sicherlich auch nicht, ist aber nicht die gefragte Hauptstärke. Sehr technische Routen wechselten sich mit zu knackenden maximalkräftigen Boulderstellen ab und sorgten immer wieder aufs Neue für eine abwechslungsreiche Kletterei.

Gerne wären wir dort noch länger geblieben, aber aufgrund seiner Süd-/ Ostausrichtung (im Topo war allerdings nur von Ost die Rede) ist hier ausser an komplett bewölkten Tagen bei warmen Wetter wenig zu holen. So freuten wir uns an diesem Tag auch über das Glück einer dichte Wolkendecke und zogen am nächsten Tag, von viel Neugierde getrieben weiter und verbrachten unseren ersten Ruhetag im Valle di Gressoney. Die im Winter wahrscheinlich gut besuchten kleinen Dörfchen wirkten aber relativ ausgestorben und so beschlossen wir - motiviert durch die deutlich vielversprechendere Wettervorhersage im Valtournenche abermals ein Tal weiter zuziehen und uns recht bald eine Bleibe für die kommenden Nächte zu suchen und landeten so schliesslich auf dem Campingplatz Cervino.

 

Das Übernachten im Bus ausserhalb von Campingplätzen scheint ohnehin im Aostatal eher schwierig zu sein, da es häufig nur eine grössere Strasse durch die Täler gibt und die wenigen Halteplätze oft weder schön, noch abgelegen oder auch nur wenigstens halbwegs eben sind. Und abseits dieser Strassen befindet man sich ohnehin häufig direkt auf Privatgrundstück.

Der Cerveina Campingplatz war zudem wirklich ein Glücksgriff - angefangen beim bemerkenswert freundlichen Personal, dem leckeren Restaurant, dem geräumigen Aufenthaltsraum und dem Blick aufs Matterhorn liess der Platz keine Wünsche offen und so verbrachten wir am Ende eine ganze Woche dort.

 

Von dort aus sind es gerade mal 2km zum Klettergebiet «Chesod». Der Sektor ist in zwei Teile geteilt, links hat es leichtere, eher technischere Routen und im mittleren und rechten Bereich neigt sich die Wand einem ganz schön entgegen und lässt die Herzen von Liebhabern ausdauernder Kletterei höherschlagen. Als Saskia einen anderen Kletterer fragte ob er auch andere Routen hier geklettert hat und wie diese denn seien, antwortete er nur, dass die meisten Routen jede Menge Ausdauer brauchen und die anderen einfach sehr sehr sehr sehr viel Ausdauer brauchen, und ja, was sollen wir sagen - er hatte Recht!


Leuchtender und zum klettern einladender Serpentinit im Klettergebiet "Chesod".


Die ungewöhnliche Gesteinsbeschaffenheit verleiht dabei den Kletterrouten eine ganz besondere Ästhetik. Der Serpentinit erstrahlt in leuchtenden Streifen aus Schwarz-, Braun- und Beigetönen und macht schon beim blossen Anschauen richtig Lust aufs Klettern.


Da am darauffolgenden Tag zum einen Zeit für einen Ruhetag und zudem auch unser Hochzeitstag war, wollten wir uns nicht einfach nur etwas ausruhen, sondern den Tag in besonders schöner Weise geniessen. Daher hatten wir schon am Vorabend alles für ein ausgiebiges Picknick vorbereitet und fuhren nach dem Frühstück nach Cervinia, von wo aus man (zumindest unserer Information nach) mit stetigem Blick auf das Matterhorn eine landschaftlich äusserst schöne Wanderung zu verschiedenen Bergseen unternehmen kann.



Die Fotos in der Tourenbeschreibung stellten sich allerdings als sehr geschickt aufgenommen heraus. Zwar hatte man tatsächlich fast durchgängig das Matterhorn im Blick, der Wanderweg stellte sich jedoch als rege von Baggern und anderen Baustellenfahrzeugen befahrene Schuttpiste heraus - oder um es genauer zu formulieren ...



... der Wanderweg zog sich über weite Strecken über die von abgedeckten Schneekanonen und Flutlichtmasten gesäumte Sommerversion der winterlichen Skipisten. Das zum Glück in vielen Sportarten steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit und die Bemühungen um eine möglichst umweltverträgliche Form des jeweiligen Outdoorsports scheint zumindest bei den Bertreibern der Skipisten leider einfach schlicht nicht existent zu sein. Soviel Spass es auch machen mag, dort im Winter die Hänge runterzufahren, die Lust uns zu Fuss über diese Riesenbaustelle zu bewegen war uns irgendwann recht schnell vergangen und so kehrten wir bald um, und liessen den Tag in der Pizzeria unseres Campingplatzes ausklingen.


Ein weiteres Gebiet, welches wir im selben Tal besucht haben ist «Falesia Barmasse», der dortige Fels besteht aus eher staubigeren, splittrigen, an Schiefer erinnernden Fels, der laut Kletterführer allerdings auch Serpentinit zu sein scheint. Die ebenfalls recht überhängende Wand ist sicherlich ideal, wenn man sich trotz Schlechtwetter die Unterarme langziehen möchte, ansonsten gibt es aber sicherlich schönere Gebiete mit deutlich kompakterem Fels.

 

Da uns die meist stark ausdauernde Kletterei der ersten Woche ganz schön gefordert hatte, beschlossen wir uns anschliessend zwei Restdays zur Erholung zu gönnen, zumal das Wetter für die kommenden Tage auch erstmals nicht so freundlich aussah.

 

Zufällig hatte uns eine Arbeitskollegin von Saskia schon vor geraumer Zeit von Turin vorgeschwärmt und so beschlossen wir an dem ersten der beiden Restdays einen Tagesausflug in die ca. 900.000 Einwohner zählende Hauptstadt des Piemont zu machen. Da wir aber wenig Lust hatten uns mit unserem Bus durch die Stadt schlängeln zu müssen (und die entsprechende Erfahrung aus Tirana in Albanien noch sehr präsent war), der Zug allerdings eine gefühlte Ewigkeit gebraucht hätte, wollten wir bis zu dem nur 20 km von Turin entfernten Ort Volpiano mit dem Auto fahren und dort in den Zug umsteigen, der laut den verfügbaren Information im Internet nur noch 15 min bis ins Zentrum von Turin brauchen würde.

 

Dort angekommen fanden wir auch direkt einen Parkplatz in Bahnhofnähe, waren dann aber leider nur wenige Sekunden zu spät an der Bahnschranke und mussten von dort aus zusehen, wie der gerade eingefahrene Zug ohne uns in Richtung Turin weiterfuhr. Danach mussten wir dann leider feststellen, dass der nächste Zug erst wieder in 2,5 Std. nach Turin fährt - und angeblich für die wenigen Kilometer satte 45 min brauchen wird.

 

Und so blieb uns leider dann doch nichts anderes übrig, als mit dem Bus direkt nach Turin zu fahren und zu hoffen, dass wir irgendwo in der Nähe des Zentrums einen Parkplatz oder aber ein Parkhaus mit genügend Einfahrthöhe finden würden.

Um es kurz zu machen - fanden wir nicht! Zumindest nicht innerhalb der ersten Stunde. Und so suchten wir schliesslich - schon dezent genervt - im Internet nach einem Parkhaus, das sowohl eine Internetseite hatte, wie auch so freundlich war dort die Einfahrtshöhe aufzuführen. Und so gelang es uns dann doch noch wiederrum eine knappe Stunde und zahlreichen U-Turns später (unser Navi war leider was die Abbiegeregelungen angeht nicht wirklich auf dem neusten Stand) unseren Bus in einem Parkhaus abzustellen und uns zu Fuss weiter in Richtung Innenstadt aufzumachen.

 

Fazit unseres Turin-Besuchs: Mit einem Auto in die Innenstadt zu fahren, dass höher als 2,10 m ist, ist definitiv keine gute Idee (zumindest nicht fürs Nervenkostüm) und wenn man den uns angepriesenen Flair Turins erleben will muss man vermutlich mindestens eine Übernachtung einplanen - tagsüber hat sich Turin uns leider nicht aussergewöhnlich lohnenswert präsentiert.


Aosta - die "Hauptstadt" des Aostatals.


Ganz im Gegensatz zu Aosta übrigens, wo wir am Tag darauf hingefahren sind. Das kleine Hauptstädtchen des Aostatal versprüht einen angenehm einladenden Flair und die langgezogene Fussgängerzone hat genügend kleinere Geschäfte und Cafes zu bieten, um sich einen Kletter-Restday lang die Zeit zu vertreiben.


Nach zwei weiteren Klettertagen in «Mont Ross» war es dann leider an der Zeit wieder nach Hause zu fahren.


Blick auf das Klettergebiet "Mont Ross" oberhalb des rustikalen Campinplatzes La Pineta.


Trotzdem dass wir uns bemüht haben möglichst viele Gebiete kennenzulernen, haben wir doch das Gefühl, dass wir noch viel zu wenig gesehen haben um uns wirklich eine fundierte Meinung zu bilden. Die Kletterei im Aostatal ist sicherlich teilweise etwas gewöhnungsbedürftig aber in jedem Fall sehr abwechslungsreich und in den meisten der von uns besuchten Gebiete definitiv lohnenswert!


Mysthisches Wolkenspiel in der Abenddämmerung am St. Bernhard Pass.


Das Aostatal hat auf jeden Fall unsere Neugierde geweckt noch einmal wieder zu kommen und weitere Gebiete kennenzulernen - und auch auf der nächsten Durchreise werden wir die Landschaft abseites der Strassen wohl mit ganz anderen Augen betrachten ...