Offiziell waren es für uns 19 h Flugzeit von Zürich nach Tokio (inklusive Zwischenstopp in Hong Kong), unterwegs waren wir allerdings schlussendlich gute
28 h von Tür zu Tür. Dabei dauerte nicht nur das Einreiseprozedere eine gefühlte Ewigkeit - allein für die Fahrt mit der U-Bahn vom Flughafen Narita bis zu unserer Unterkunft in Tokio benötigten wir fast 3 Stunden.
Kein Wunder eigentlich bei der Größe, denn nur die Stadt selbst - also ohne die zur Metropolregion zählenden Gebiete - beherbergt Tokio auf ihren 628 km² fast 10 Millionen Einwohner:innen.
Mittlerweile war es also, mit Hilfe der Zeitverschiebung, bereits wieder Abend und auch wenn die Zeit - und vor allem unsere Energie - nicht mehr für einen ersten Ausflug in einen der belebten, bunt leuchtenden Innenstadtbereiche reichte, so wollten wir doch wenigstens noch unsere unmittelbare Umgebung kennen lernen und bestenfalls auch noch eine Kleinigkeit zu Essen ergattern. Auf dem Weg zu unserem Appartement sind wir zwar an einigen Restaurants vorbeigelaufen, unser Gastgeber schickte uns jedoch auf unsere Frage, wo wir denn möglichst in der Nähe noch etwas zu Essen finden würden, in die entgegengesetzte Richtung.
Die von ihm beschriebene Hauptstraße war zwar leicht zu finden und tatsächlich sehr nah, allerdings leider fast komplett dunkel - und nur ganz vereinzelt schimmerte hinter dem ein oder anderen Fenster noch Licht. Von diesen Gebäuden sah aber nichts auch nur annähernd so aus wie eins der Restaurants welche wir auf dem Weg zur Unterkunft gesehen hatten, und so öffneten wir schließlich etwas schüchtern eine Türe zu einer kleinen Bar, deren Raum gerade einmal groß genug war, um einer kleinen Theke und einer Handvoll Barhockern Platz zu bieten. Die einzige Biersorte auf der Karte war belgisches Sauerbier und so bestand unser Abendessen schließlich aus eben jenem „Flüssigbrot“, einem Onigiri und ein paar eingelegten Okra Schroten mit Süßkartoffel - eine etwas unerwartete Kombination, aber eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass die Karte ausschließlich in japanischen Schriftzeichen geschrieben war und unsere Kommunikation mit der Bar-Angestellten aus einem Gemeinschaftswerk von Gesten, einigen englischen Wörtern und der Zuversicht gerade wirklich etwas vegetarisches bestellt zu haben, bestand. Alles in allem also ein erster Abend ganz nach unserem Geschmack …
Die Bar befindet sich übrigens hinter der linken Türe.
Tokio ist nicht nur riesig, sondern auch unfassbar vielfältig und versprühte schon vom ersten Moment an, ein recht einzigartiges und zum Teil eher ungewohntes Großstadt-Flair. So sind wir erstaunlich oft in Wohnvierteln gelandet, die wir mit ihren niedrig gebauten Einfamilienhäusern eher in Kleinstädten, oder maximal den am Rand gelegenen Bezirken erwartet hätten. Zudem ist es in Tokio, so belebt es auch zu den typischen Rushhour-Zeiten sein mag, auch im Großstadt-typischen Gedränge der Massen, auffallend leise.
In den U-Bahnen sind alle Handys auf lautlos gestellt und niemand telefoniert dort. Vor allem die zahlreichen Nudel-Restaurants sind häufig eher zur zeiteffizienten Nahrungsaufnahme konzipiert, als zu ausgelassenen Unterhaltungen und auch sonst entspricht ein lautstarkes Auftreten in der Öffentlichkeit nicht den kulturellen Gepflogenheiten, denn die zahlreichen traditionellen „Benimmregeln“ finden noch immer strenge Beachtung und haben mindestens in Sachen Lärmpegel eine offensichtlich äußerst angenehme Wirkung auf das Alltagsklima.
Kein ewiges Handy-Geklingel, keine unnötig laut ins Handy geschrienen Updates zur Einkaufsliste und auch keine „öffentlichen Durchsagen“ an die Gemeinschaft im U-Bahnabteil zum dem aktuellen Beziehungsstatus …
Dass die Handys auf lautlos gestellt sind, heißt aber natürlich nicht, dass sie nicht ausgiebig genutzt werden - fast jeder, der die Zeit in der U-Bahn nicht für ein kleines Nickerchen nutzt, vertreibt sich die Zeit am Display seines Smartphones und auch Menschen die beim Gehen Manga-Filme schauen sind nicht unbedingt eine Seltenheit.
Und es bedeutet natürlich auch nicht, dass es in Tokio absolut still ist, die Stadt hat ihren durchaus eigenen Sound welcher über das Rattern der U-Bahn Züge (Tokio hat über 280 Stationen und transportiert täglich 40 Millionen Reisende), leise Musik oder Windglöckchen in Parkanlagen zu verschiedenen Vogelgesängen in der U-Bahn und an Ampeln, welche blinden Menschen helfen soll, Treppen und Grünphasen zu erkennen, reicht.
Überhaupt scheint Technik, ebenso wie feine technische „Spielereien“ - oder zur Not auch nicht-technische Gadgets, in allen gesellschaftlichen Bereichen eine grosse Rolle zu spielen. Dabei finden sich neben den Herren-Pissoirs zuweilen kleine rutschfeste Ablageflächen um den Regenschirm während des Geschäfts sicher versorgen zu können, vor Geschäften kann man den nassen Regenschirm trocknen indem mithilfe einer extra dafür gebauten Abwischvorrichtungen das Wasser in einer Auffangschale aufgefangen wird und alleine die zur Perfektion gebrachte technische Ausstattung einer WC-Schüssel wäre schon fast einen eigenen Artikel wert.
Bedienfeld eines japanischen "Standard-WCs" ...
Zum absoluten Standard gehören hier die Bidet-Funktion in zwei verschiedenen Varianten, die herrlich angenehm beheizte Klobrille, beides natürlich nach Wunsch in der Intensität einstellbar, eine „Plätscher-Soundtaste“ für die akustische Privatsphäre und je nach Ausstattung reagiert das WC dann auch noch auf die Druckentlastung der Sitzfläche mit dem automatischen starten der Spülfunktion. Solche WC`s sind hier nicht die luxuriöse Ausnahme, sondern in Japan fast überall zu finden, teilweise selbst in eher abgelegenen öffentlichen Toiletten.
Meiji-Schrein Areal mitten in Tokio.
Tokio hat zwar natürlich auch einige (ok, unzählige) Sehenswürdigkeiten zu bieten, aber um wirklich in den Flair der Stadt einzutauchen sind die wirklichen Hauptattraktionen unserer Meinung nach vor allem die einzelnen Stadtviertel, die teils verschiedener nicht sein könnten.
Viertel wie beispielsweise Ebisu, Meguro und Nakameguro sind voll von kleinen Boutiquen, Concept Stores und hippen Café Bars, schlendert man am Fluss Meguro entlang, vergisst man glatt, in welch grosser Metropole man sich gerade befindet.
In Akihabara, dem Anime und Elektroviertel, ist es dagegen - ganz wie es sich für eine Metropole gehört - vor lauter Einkaufszentren und riesigen Leuchtschriften an den Fassaden auch nachts beinahe taghell. Vor allem die unfassbar grossen Elektro Geschäfte (mit auch hier wieder unglaublich vielen Spielereien und Gimmicks) und die mehrstöckigen Hochhäuser voll mit Anime Zeugs, ziehen jeden Besucher unwiderstehlich in ihren Bann. Jeder Computer(-Spiel) oder Manga-Nerd läuft hier Gefahr auf nimmer wiedersehen in ein grosses schwarzes Loch gerissen zu werden und sollte sich - für den Fall, dass er doch wieder herausfindet, mindestens einen leeren Koffer mit nach Tokio nehmen.
Shibuya-Crossing
An der „berühmten“ Shibuya Crossing sind die Ampeln so gestellt, dass alle Fussgänger-Ampeln (wir haben fünf gezählt) gleichzeitig auf Grün wechseln. Die Menschenmengen selbst haben wir uns zwar eindrücklicher vorgestellt, aber den immer im gleichen fließenden Wechsel zwischen Autoverkehr und den dann wieder auf die Kreuzung strömenden Menschen hatte - vor allem aus der Vogelperspektive - schon etwas Faszinierendes.
Es gibt mehrere Orte von denen man sich das Spektakel von oben anschauen kann - wir haben uns für einen Aussichtsposten in der Mangafiguren-Abteilung (wo sonst?!) eines Kaufhauses entschieden, die dort extra für diese Gelegenheit ein paar Fensterplätze mit Sitzgelegenheiten und Verpflegungsmöglichkeiten ausgestattet haben. Und so konnten wir das rege Treiben in ruhiger Atmosphäre mit Nüsschen, Pfefferchips und - da Saskia in dem Glauben es handle sich um Limonade, uns 2 Dosen Vodka Sour besorgt hat nun auch leicht beschwips bewundern.
Nach unserem gelungenen Apero haben wir dann ein „Tofu-Restaurant“ in der Nähe besucht, in dem alle Speisen mindestens Tofu enthalten - wenn nicht sogar ausschließlich aus Tofu bestehen.
Die geschmackliche Vielfalt und Darreichungsformen waren wirklich beeindruckend und für uns war neben der Tofu-Eiscreme, der sogenannte „Sorano-Tofu“ eine ganz neue kulinarische Erfahrung. Man bekommt dafür eine Holzkiste auf einer Kohleglut an den Tisch gebracht, welche lediglich mit Sojamilch und einem natürlichen Bindemittel gefüllt ist. In dieser Kiste wird durch die Wärme binnen 20 Minuten aus der Sojamilch ein sehr spezieller, von der Konsistenz an Seidentofu erinnernden, aber geschmacklich deutlich feiner schmeckender Tofu.
"Sorano"-Tofu kurz vor dem Verzehr ...
Für alle dem Klettersport zugewandten Menschen steht zudem natürlich unweigerlich der Besuch einer der bekannten tokioer Boulderhallen auf der Must-Do-Liste. Und da das Wetter am Tag nach unserer Ankunft ohnehin etwas verregnet angesagt war, dachten wir, eine kleine Bouldersession macht nicht nur Spaß, sondern hilft sicherlich auch beim Überwinden unseres Jetlags.
In unserer engeren Auswahl standen das - gerade von Miho Nonaka neu eröffnete - Next Gen Bouldering und natürlich die beiden Klassiker Maboo und B-Pump. Wie schon (vermutlich) mehrfach erwähnt ist Tokio allerdings einfach riesig und alle Hallen außer einer der B-Pump Hallen lagen leider locker 2 Stunden Wegzeit von uns entfernt. Im Vergleich zu der „Sagen umwobenen schwersten Boulderhalle der Welt mit seinen verrückten Koordinations-Bouldern“ der B-Pump Kette, waren die Boulder in der von uns besuchten Filiale allerdings (glücklicherweise) erstaunlich oldschoolig und machbar.
Und da wir bei dieser Gelegenheit sogar noch ein Klettertopo von Ogawayama ergattern konnten, können wir nun endlich gut ausgestattet mit unserem Roadtrip durch Honshu starten …
