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Roadtrip im Land der aufgehenden Sonne

Nach 3 Nächten in Tokio war es nun endlich an der Zeit unseren Camper abzuholen und mit der „eigentlichen“ Reise zu beginnen. Einerseits wollten wir gerne, möglichst im Hellen, direkt noch ein paar Stunden fahren und andererseits auf keinen Fall, mit unserem gesamten Gepäck, Teil der morgendlichen Rushhour in der U-Bahn sein. Daher einigten wir uns auf einen frühen und schnellen Start in den Tag - Kaffee und Frühstück würden wir uns einfach unterwegs besorgen ...

 

Um es vorweg zu nehmen: Wir waren mit unserem Gepäck natürlich, trotz aller Bemühungen, exakt zur Rushhour in der U-Bahn! (Wer möchte darf im Internet ja gerne mal Bilder zu den Begriffen Rushhour und Tokio suchen.) Und da die Bahn in Richtung Camper-Vermietung, aus uns nicht nachvollziehbaren Gründen, immer wieder anhielt und verkündete nicht weiter zu fahren (ohne dass wir bereits am Ziel angekommen wären) lagen wir schon lange vor der Camper-Übernahme bereits weit hinter unserem Zeitplan. Nur gut hatten wir wenigstens den Kaffee und die Tofu-Donuts nicht ausfallen lassen und so steuerten wir, nach einer ein wenig (ok, maximal) übertriebenen gründlichen Übergabe - inkl. Foto und Video-Dokumentation der bereits vorhandenen Kratzer - eines deutlich nicht mehr fabrikneuen Campers, am Nachmittag endlich unserem Roadtrip durch Honshu entgegen.


 

 

Omamori für Verkehrssicherheit (soll Reisende vor Unfällen schützen), welches wir

zuvor am Meiji-Schrein gekauft haben.


Da wir möglichst nicht am ersten Tag mit Linksverkehr und immer noch etwas Jetlag benebelt, direkt quer durch Tokio fahren wollten, entschieden wir uns stattdessen dafür Tokio über die Landstraße zu umfahren und auf dem Weg zu unserem ersten Klettergebiet einen kurzen Stopp in Nikko zu machen.


 

 

Mt. Nantai  in Nikko.


Und schon in den ersten Tagen wurde uns schnell etwas klar, was sich im Laufe unseres Trips immer wieder bestätigen würde - in Japan kommt man mit dem Auto nur sehr langsam vorwärts! Die Geschwindigkeitsbegrenzungen liegen bei 60 km/h auf Landstraßen und maximal 100 km/h auf Autobahnen - und oftmals liegt die angegebene erlaubte Geschwindigkeit sogar noch tiefer. Hinzu kommt, dass die Landstraßen größten Teils sehr schmal und kurvenreich sind.

Unsere ursprüngliche Vorstellung (in knapp 3 Wochen) Tokio zu sehen, Zeit zu haben um entspannt ein paar Tage klettern zu gehen und zusätzlich noch ca. 1500 km bis auf Kyushu, die südlichste Hauptinsel Japans, zurückzulegen mussten wir somit leider bereits in den ersten Tagen unserer Reise zugunsten einer (Strecken mäßig) deutlich weniger ambitionierten Streckenplanung über Bord werfen.

 

Von Nikko aus machten wir uns auf dem schnellsten Weg auf nach Futagoyama, einem fantastisch aussehenden Kalksteingebiet, welches mit überhängenden Wänden und jeder Menge Tufas lockte. Der Weg zum Klettergebiet führt über eine einige Kilometer lange Wald-Straße zu einem Parkplatz, von dem aus man zu Fuß bis zum Klettergebiet weitergeht. Leider standen wir jedoch bald vor einer Absperrung, welche uns das Weiterfahren aufgrund irgendeines Einsturzes an der Strasse untersagte. Wir haben ein Bild von der Absperrung später einem Einheimischen gezeigt und es war wirklich so, wie Google-Translate es uns übersetzt hatte: Irgendwas ist eingestürzt, die Weiterfahrt strengstens verboten und somit gab es keine Chance für uns zu dem Gebiet zu gelangen.



Nach dieser Enttäuschung, entschieden wir uns zum Ausgleich erst einmal ein Onsen aufzusuchen und damit ein weiteres Japan-Must-Do auszuprobieren. Onsen sind natürliche heiße Quellen, die teilweise atemberaubend schön in der Natur gelegen sind. Jedes Onsen muss seine Wasserqualität (kurz gesagt, wie therapeutisch das Wasser ist) öffentlich auslegen und als Besucher muss man sich streng an die sogenannte Onsen-Etikette halten. Uns war es letzten Endes allerdings ziemlich egal, ob wir nur in "heißem Leitungswasser" baden - Hauptsache das Ambiente und die Aussicht stimmte …

 

Von vielen Außenbereichen aus, kann man auf Flüsse, Berge, ja sogar das Meer oder wenn die Sicht stimmt teilweise auch auf den Mt. Fuji schauen. Es gibt aber natürlich auch Onsen die, viel weniger spektakulär und größenmäßig vergleichbar mit einer großen Schwimmhalle, mitten in der Stadt liegen. Auch die Ausstattungen variieren stark und reichen von eher minimalistischen Holzwandkonstruktionen hin zu schicken „Wellness-Tempeln“.


 

 

Was gibt es schöneres, als in einem heißen Onsen sitzen,

während im Hintergrund die Wellen des Ozeans an die Küste rauschen?!


Den ersten Klettergebietsfrust und den mentalen Stress des Linksverkehrs ließen wir also in einem gemütlichen kleinen Onsen verblasen und „düsten“ anschliessend zu dem anderen von uns recherchierten Klettergebiet: Ogawayama.

 

Google Maps zeigte uns sogar eine „Direktverbindung“ von unserem damaligen Standpunkt an, die uns binnen 50km ins Granitklettergebiet bringen sollte.

Nachdem wir aber einige Kilometer sehr kurvenreiche und von der Breite lediglich knapp für unser Auto geeignete Straße gefahren waren, dämmerte uns, dass es wohl noch die nächsten 45 Kilometer so weitergehen würde. Bei einer realistischen Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 15-20km/h entscheiden wir uns daher dazu umzukehren und den besser befahrbaren, aber etwas weiteren Weg „außen rum“ zu nehmen.

 

Irgendwann hatten wir dann lange genug im Camper gesessen und da es ohnehin mittlerweile dunkel war und in Strömen regnete (wir also auch keine spektakulären Aussichten verpassten), entschieden wir uns für einen weiteren Zwischenstopp und dazu die Nacht auf einem Parkplatz an einem kleinen See zu verbringen.

 

Zu unserer Überraschung stolperten wir dort am nächsten Morgen - bei schönstem Herbstwetter - unerwartet in ein hippireskes Dorffest, voller Kunst-Händler, Aufführungen, kleinerer Gesangseinlagen und jeder Menge toller Snackstände. Die Einheimischen dort wirkten sehr offen und neugierig, wir wurden mehrfach auf unsere Reiseziele angesprochen und einige von ihnen schnappten sich irgendwann unsere Hände und "integrierten" uns in eine Art Gemeinschaftstanz.




Die gesamte Stimmung wirkte, nach unseren bisherigen Eindrücken von Japans öffentlichem Leben, sehr ungewohnt und die lebendige Hippie-Kultur fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Wir genossen diesen Vormittag so sehr, dass wir fast unser eigentliches Ziel, das Klettergebiet Ogawayama, vergessen hätten.

 

Dort (also in Ogawayama) angekommen, mussten wir erst einmal lachen, da wir scheinbar vom einen Fest zum nächsten gefahren waren. Denn an diesem Wochenende war offensichtlich gerade Petzl Roc Marathon mit hochrangigen Gästen aus der nationalen (Sachi Amma und Mei Kotake) und internationalen (Sean Villanueva) Kletterszene. Ogawayama ist ein großes Granitklettergebiet, welches neben Bouldern und viel Trad-Kletterei auch einige Sportklettergebiete beherbergt.

 

Die jeweiligen Guidebooks sind allesamt unkompliziert in einem kleinen Kletterladen (Roof Rock) 15 km vor dem dortigen Campingplatz zu ergattern.

 

Es war zwar wahnsinnig kalt, aber wir hatten uns trotzdem recht schnell in den etwas speziellen Kletterstil eingegroovt und haben es total genossen endlich Fels unter den Fingern zu haben - als am nächsten Tag der gesamte Campingplatz mit einer dünnen Schneedecke bedeckt war und es somit leider schon wieder einer Planänderung bedurfte.



 

 

Neuer Tag - neues Wetter!


Mit unserem Camper zu Hause, ein wenig mehr auf solche Temperaturen eingestellt und vor allem den nötigen Zeitpuffer, den die Felsen zum Abtrocknen brauchen würden, im Gepäck wären wir sicherlich noch länger geblieben. Da wir in der letzten Nacht allerdings zusätzlich zu den uns zur Verfügung stehenden Sommerschlafsäcken und dünnen Decken, sogar unsere Daunenhosen und Jacken zum Schlafen anbehalten mussten - und wir das Gefühl hatten nicht zu viel von unserer wertvollen Zeit für das Warten auf gutes Wetter und trockenen Fels verbrauchen wollten - entschieden wir uns schweren Herzens dazu, schon wieder weiter zu ziehen.

 

Und so fuhren wir also „schnurstracks“ weiter in Richtung Küste und verbrachten, als Kontrastprogramm zu der letzten Nacht, eine Nacht direkt am Meer - mit angenehmen Temperaturen, aber immer noch mit Blick auf die Schneebedeckten japanischen Alpen. 




Von dort aus ging es weiter nach Takayama - dem sogenannten „kleinen Kyoto“ mit Bergkulisse. Nachdem wir später auch die grosse Schwester Kyoto besucht haben, können wir diesem Vergleich bedingungslos zustimmen.

 

Auf dem ersten anvisierten Schlafplatz in Takayama begrüßte uns allerdings ein Schild, dass vor Bären warnte. Die letzte Sichtung war zwar im Mai, dennoch hatten wir Bedenken, ob ein Bär unseren Camper gefüllt mit Leckereien, inklusive uns natürlich, nicht interessant finden könnte und so entschlossen wir, einen, deutlich näher am Stadtzentrum liegenden Parkplatz zu bevorzugen. Doch auch hier wurde vor Bären gewarnt.

 

Na ja, aber irgendwo mussten wir ja schliesslich parken und so sind wir dort stehen geblieben und später - ohnehin fahruntüchtig von einer Sake-Degustation - ohne gross weiter drüber nachzudenken einfach ins Bett gefallen. Die Bärenglocke hatten wir allerdings dennoch vorsichtshalber direkt neben unsere Stirnlampe gelegt, falls einer von uns in der Nacht mal aufs WC müsste.

 

Eine Stadt, die man sich unserer Meinung nach nicht entgehen lassen sollte ist Osaka. Hier scheinen die Uhren deutlich anders zu ticken als in Tokio. Genauer gesagt: Es ist der gnadenlose Kontrast.


 

 

Sceneviertel "America Mura" in Osaka:

 

Sehen und gesehen werden!


Laut, schrill, bunt, ungeordnet und extrovertiert scheint hier der Standard zu sein - und was bereits im Skyscraper-Dschungel rund um den Bahnhof begann, fand im „Szene-Viertel“ America Mura seinen absoluten Höhepunkt. In den unzähligen Strassen dieses Viertels reihen sich Second-Hand Shops, Cafes, Bars aneinander und auf den öffentlichen Plätzen sitzen (sehr Japan-untypisch) die Menschen auf Treppenstufen herum, unterhalten sich - und aus den angrenzenden Läden schallt lauter Hip-Hop auf die Straßen.

 

Nach all den Stunden auf der Straße, dem urbanen Erlebnispaket Takayama-Kyoto-Osaka und beinah täglichen Ortswechseln beschlich uns nun immer mehr das Gefühl wieder dringend etwas Ruhe in der Natur tanken zu müssen. Und da bekanntlich (bzw. unserer Erfahrung nach) die allerschönsten Reiseeindrücke fast immer an einem Kletterspot entstehen, fuhren wir auf direktem Weg auf die Halbinsel Izu.



Izu liegt nur wenige Stunden südlich von Tokio und hat neben fantastischen, rauen Küstenabschnitten, einem - wenn denn das Wetter mitspielt - exklusiven Blick auf den Mt. Fuji auch zwei Klettergebiete zu bieten.



Das direkt an der Küste gelegene Jogasaki besteht aus einer derart geschichteten Felsformation, das dort zahlreiche spannend aussehende Kletterlinien zu finden sind. Leider hat das Gebiet die gleichen Probleme, wie alle anderen Meer-nahen Gebiet auch und so waren die meisten Umlenker entweder deutlich angerostet, oder eben zumindest in keiner Weise einschätzbar, da sie allesamt aus Stahl-Expansionsbohrhaken bestanden. Und nachdem in Taiwan (die seit Jahren nur noch mit Titanhaken sanieren) mal ein kompletter Umlenker nur wenige Wochen, nachdem wir die betreffende Route geklettert sind - und den Umlenker offensichtlich als solide angesehen haben - am Boden lag, haben wir uns als Reiseabschluss lieber für ein paar entspannte Bouldertage in Mitake entschieden.

 

Mitake hat sich als wunderbarer letzter Ort unserer Japanreise entpuppt. Nur wegen der Boulder muss man zwar den weiten Weg nicht auf sich nehmen, dennoch hat das gemeinsame Bouldern mit den anwesenden japanischen Kletterern großen Spaß gemacht und die Boulderblöcke liegen zudem direkt an einem, mit üppigen Herbstfarben geschmückten Fluss. In der Nähe gibt es einen traumhaften Onsen, ein kleines Restaurant mit selbstgemachten Soba-Nudeln, in dem der Holzofen bollerte und sogar ein Cafe mit veganem Tofu-Cheesecake.



Nach diesen zwei Tagen voller Japan Vibes ganz nach unserem Geschmack fuhren wir, wehmütig vom nahenden Ende unserer Reise, zu unserem Startpunkt, dem Camper Verleih in Narita, zurück.

 

Vor knapp drei Wochen sind wir genau hier, ziemlich aufgeregt vorm Linksverkehr und voller Neugierde und Vorfreude auf das Land und seine Bewohner, mit unserem Camper losgezogen. In unseren Köpfen waberten diffuse Vorstellungen von Japan. Ein Land das gerade enorm gehypt wird, von dem wir, teils seit vielen Jahren, mystische Vorstellungen von Ninjas, Geishas, altem Handwerk, uralten Tempeln und Städten wie beispielsweise Kyoto mit ihren alten kleinen Gassen, in uns tragen. Beschränkt man sich bei seiner Reise auf die Besuche der grossen Städte und reist mit dem Strom der populären Touristen-Route ist die Gefahr wahrscheinlich sehr gross, dass man eine gewisse Enttäuschung erfährt.

 

Japan ist unserer Meinung nach, kein Land, dass sich auf die Schnelle bereisen lässt, auch wenn das durch den Shinkansen natürlich problemlos möglich wäre. Auch wir mussten bewusst Tempo rausnehmen, als wir durch das Wegfallen der Klettertage (also unsere sehr persönliche und emotionale Art ein Land, häufig abseits der Tourismusrouten kennenzulernen) nicht länger an einem Ort waren und begannen "zu schnell vorwärts" zu kommen.

 

Und wir mussten - mehr als einmal - unsere mystischen (oder welche auch immer)  Vorstellungen von Japan resetten und bewusst „neutral“ und neugierig losziehen.

 

Wir haben noch kein Land bereist, dass auf so engem Raum so vielfältig ist, in dem man mit dem Rauschen der Wellen im Ohr auf schneebedeckte Berge schauen kann. Ein Land mit so grossen kulturellen Schätzen und immer noch bestehenden sehr strengen gesellschaftlichen Regeln, ein Land, dass so unglaublich modern und innovativ ist. Mit für uns unvorstellbar grossen Megacitys, in denen eine auffallend geringe Polizei-Präsenz das Gefühl vermittelt trotz der unüberschaubaren Menschenmassen an einem sicheren Ort zu sein. Ein Land mit unendlich vielen Bergen, Vulkanen, Seen, Küsten, Klimazonen, Onsen, traumhaft schönen Farben im Herbst und der Kirschblüte im Frühling und einer schier unbeschreiblich grossen Leidenschaft für perfekte Nudel-Kreationen.

 

Und einer facettenreichen Kultur - von Zen bis Karoshi - die jeden Reisetag zu einer Überraschung macht.



Japan ist auf jeden Fall eine Reise wert - welche Vorstellungen man vorab lieber abschütteln sollte - oder ganz bewusst mit auf seine Reise nimmt - muss jeder für sich selbst entscheiden ... 😉